Das Dogma „feuerbeständig“

Eineinhalb Stunden müssen Bauteile einem Brand nach den Bedingungen der Einheitstemperaturzeitkurve (ETK)[1] standhalten, wenn sie als „feuerbeständig“ klassifiziert werden wollen. Diese Festlegung stammt aus einer längst vergangenen Zeit, als Feuerwehrfahrzeuge noch von Pferden zum Brandort gezogen wurden. Internationale Beispiele, moderne Entwicklungen und verbesserte Techniken zur Brandbekämpfung und Löschwasserversorgung zeigen: Es ist an der Zeit an diesem Dogma zu rütteln.

Geschichte

Während bis etwa 1929 der Begriff „feuerfest“ verwendet wurde, der in den Bauordnungen die Herstellung und Qualität der einzelnen Bauteile beschrieb, hielten in den 1920er- und 1930er-Jahre die technischen Baubestimmungen (z.B. DIN-Normen) Einzug in das Baugeschehen. In der wichtigsten Norm für den Brandschutz, der DIN 4102, wurde 1934 die feuerbeständige Qualität endgültig an die Feuerwiderstandsdauer von 90 Minuten geknüpft.

Seitdem sind 90 Jahre vergangen. Die Möglichkeiten zur Rettung von Personen sowie zu Löschmaßnahmen der Feuerwehr haben sich in dieser Zeit entscheidend verbessert. Schnelle Feuerwehrfahrzeuge und vor allem eine umfassende Löschwasserversorgung stellt den abwehrenden Brandschutz sicher. Selbst Brände hoher Häuser unterhalb der Hochhausgrenzen können zügig und sicher bekämpft und gelöscht werden.

Zudem verkürzt die Ausstattung aller Wohnungen in Deutschland mit Rauchwarnmeldern (RWM) die notwendigen Zeiten für die Erkennung von Bränden sowie die Flucht von Menschen und Tieren. Im Gegenzug kann sinnvollerweise die Feuerwiderstandsdauer auf ein sinnvolles Niveau abgesenkt werden.

Schweizer Vorbild

Vorbildlich in Sachen „Sicherheit bei Bränden“ ist seit langem die Schweiz. Die Zahl der Brandtoten (pro Mio. Einwohner) ist dort – Stand 2016 – mit 2,5 etwa halb so hoch wie in Deutschland (4,7). Gleichzeitig sind die eidgenössischen Brandschutzvorschriften wesentlich moderater und übersichtlicher als hierzulande, z.B. ist der maximale Feuerwiderstand REI 60 (hochfeuerhemmend).

Ein durchdachtes Qualitätsmanagement bei Brandschutzplanung und Objektüberwachung durch einheitlich qualifizierte Fachplaner bzw. -bauleiter wird dafür gesorgt, dass die reduzierten Anforderungen sicher umgesetzt werden. Das ist weitaus effizienter als hohe Anforderungen, deren Durchführung an uneinheitlicher Ausbildung oder mangelnder Kompetenz der beteiligten Architekten, Ingenieure oder Behörden scheitert.

Fazit

Diese Beispiele zeigen, dass eine Ausweitung des Feuerwiderstandes über die Grenze von einer Stunde hinaus keinen Sicherheitsgewinn mit sich bringt. Ganz erheblich wäre dagegen das Einsparpotenzial einer Reduzierung der Feuerwiderstandsanforderungen auf ein vertretbares Maß:

  • Bei Neubauten, insbesondere in der Gebäudeklasse (GK) 5, ergeben sich Kostensenkungen bis 15%.
  • Die Kosten und der Energiebedarf von Brandschutzprüfungen, die für Zulassung von Bauprodukten erforderlich sind, können um ca. 1/3 reduziert werden.
  • Der Feuerwiderstand von 90 Minuten nach ETK ist auf traditionelle Baustoffe wie Beton oder Mauerwerk zugeschnitten. Innovativen oder ökologischen Baustoffen wie Ultraleichtbeton, Holz oder wirtschaftlichen Verbundbaustoffen bzw. hybriden Konstruktionen werden dagegen unnötig hohe Hürden auferlegt.
  • Bestandskonstruktionen haben häufig einen tatsächlichen Feuerwiderstand unterhalb „feuerbeständig“. Sie müssen deshalb oft teuer entsorgt oder aufwendig ertüchtigt werden.

Alle diese Punkte hätten erhebliche positive Auswirkungen auf Baukosten und Umwelt. Sicherheit und Brandschutz für bauliche Anlagen in Deutschland würden in keiner Weise negativ beeinflusst. Große und wichtige Ziele, für die es sich lohnt, althergebrachte Dogmen zu überwinden oder zumindest zu diskutieren.

Reinhard Eberl-Pacan

Vorsitzender des Vorstands

Bundesvereinigung Fachplaner und Sachverständige für den vorbeugenden Brandschutz e.V.

Literatur:

DIN 4102:1934-08: „Widerstandsfähigkeit von Baustoffen und Bauteilen gegen Feuer und Wärme“


[1] Um einheitliche Prüf- und Beurteilungsgrundlagen für das Brandverhalten von Bauteilen zu schaffen, wurde auf internationaler Ebene eine Einheitstemperaturzeitkurve (ETK) festgelegt. Auf ihr basieren die Bauteilprüfungen nach den Brandschutznormen DIN 4102-2, -3, -5, -6, -9 und -11.