Vier Thesen für eine neue Bauordnung

Neubewertung des Brandschutzes in den Bauordnungen

Sicherheit ist (k)ein Ruhekissen. Neue Herausforderungen und Gefahren zeigen, dass sich jene, die sich um Sicherheit und Brandschutz kümmern (wollen), nicht auf diesem Ruhekissen ausruhen sollten. Die stetige Anpassung der Gesetze und Vorschriften an die tatsächliche Sicherheitslage birgt eine Menge notwendiger Veränderung. Ebenso wie täglich neue Regelungen erlassen werden, müssen geltende Gesetze laufend verifiziert und nötigenfalls reduziert oder abgeschafft werden; so früh wie nötig und soweit wie möglich.

Dazu gehört auch eine Neubewertung des Brandschutzes in den Bauordnungen. Wir haben dazu vier Thesen thematisiert und wollen diese in einer Beitragsreihe vorstellen und diskutieren:

These 1: „hochfeuerhemmende Bauteile“

Viele Anforderungen in unseren Bauordnungen stammen aus dem vorletzten Jahrhundert. Aus Begriffen wie feuerfest und feuersicher wurden feuerbeständig und feuerhemmend, der Inhalt blieb der Gleiche. Jeder, dass es dauerhaft feuerfeste oder feuerbeständige Bauteile nicht gibt. Die Festlegung auf einen Feuerwiderstand von 90 Minuten ist daher erstmal beliebig und stammt aus einer Zeit, in der vor Feuerwehrfahrzeuge noch Rösser gespannt wurden.

These 2: „Innovative zweite Rettungswege“

Zunehmende Schwierigkeiten und Hindernisse beim Einsatz von Rettungskräften, die Rettung mobilitätseingeschränkter Personen oder Menschen mit Behinderungen sowie die erweiterten technischen Möglichkeiten – z.B. Evakuierungsaufzüge nach DIN EN 81-76 (Entwurf) oder VDI-Richtlinie 6017 – zwingen zum Umdenken bei der Anzahl und Art der Rettungswege. Bauherren und Planer sollen bereits in einer frühen Planungsphase aus unterschiedlichen Möglichkeiten zur Herstellung des zweiten Rettungsweg auswählen und sich bedarfsgerecht für ein optimale Lösung entscheiden können.

These 3: Qualität bei Planung und Bauüberwachung

Die Zeiten einer allwissenden Bauaufsichtsbehörde oder gar einer allgegenwärtigen „Baupolizei“ sind passé. Wenn wir Ernst machen wollen mit innovativen digitalen Entwicklungen wie „Building Information Modeling“ (BIM), brauchen wir eine Partnerschaft aller am Planungs- und Bauprozess Beteiligten auf Augenhöhe. Das bedingt eine fundierte und nachweisbare Ausbildung und Qualifikation.

These 4: „Verwendung brennbarer Baustoffe“

Immer mehr Bundesländer (derzeit u.a. Brandenburg und Bayern) folgen einem Trend, der die Verwendung nachwachsender und ökologischer Baustoffe vereinfachen soll. Es fehlt jedoch eine bundeseinheitliche Regelung und es existiert ein Wirrwarr bei den daran anknüpfenden Ausführungsvorschriften. Die derzeit gültige M-HFHHolzR [1] ist die für das Papier gefällten Bäume nicht (mehr) wert, auf das sie gedruckt wurde. Eine Verbesserung durch eine geplante neue M-HolzBauRL [2] ist nicht in Sicht.

Fazit

Bauordnungen haben die Aufgabe, das Bauen zu ordnen und Gefahren für Nutzer baulicher Anlagen zu reduzieren. Sie sind jedoch kein Ruhekissen, auf dem wir uns dauerhaft ausruhen können. Wer das Bauen auf einem aktuellen Stand regeln und befördern will, muss bereit sein, scheinbar unumstößliche Gewissheiten – auch bei Sicherheit und Brandschutz – in Frage zu stellen.

Reinhard Eberl-Pacan

Vorsitzender des Vorstands

Bundesvereinigung Fachplaner und Sachverständige für den vorbeugenden Brandschutz e.V.

Literatur:

[1] „Muster-Richtlinie über brandschutztechnische Anforderungen an hochfeuerhemmende Bauteile in Holzbauweise – M-HFHHolzR“ (Fassung Juli 2004)

[2] „Muster-Richtlinie über brandschutztechnische Anforderungen an Bauteile in Holzbauweise für Gebäude der Gebäudeklassen 4 und 5 – M-HolzBauRL“ (Stand: 23.05.19)