Der Rettungsweg und die urbane Dichte

Nahezu alle Großstädte stehen vor der gleichen Herausforderung. Zu viele Menschen drängen sich auf engen Raum. Sie benötigen mehr und mehr Gebäude für Wohnraum, Arbeitsplätze oder Infrastruktureinrichtungen. Dazu kommen Verkehrsflächen und Parkplätze, gleichzeitig dürfen Grünflächen oder Straßenbäume nicht vernachlässigt werden. Auch Flächen für Ver- und Entsorgung von Gütern und Abfällen sind erforderlich und nicht zuletzt Flächen für die Einsatzfahrzeuge diverser Rettungskräfte, u.a. der Feuerwehr.

Die urbane Dichte führt zwangsläufig zu Flächen- und Nutzungskonflikten. Dort, wo noch nicht gebaut ist, wird dem Mangel durch Nachverdichtung, neue Quartiere (z.B. das Schumacher-Quartier in Berlin auf dem ehemaligen Flughafen Tegel) oder immer höher wachsende Hochhäuser abgeholfen. Dort, wo bereits gebaut wurde, sind meist Dachgeschossausbauten, Dachaufbauten oder Aufstockungen das Mittel der Wahl.

Der 2. Rettungsweg als Spaßbremse

Viele solcher Vorhaben scheitern jedoch daran, dass aufgrund der oben geschilderten Nutzungskonflikte der Nachweis des zweiten Rettungswegs über Geräte der Feuerwehr (Leitern auf Hubrettungsfahrzeugen) nicht geführt werden kann. Um hier Abhilfe zu schaffen haben in Hamburg die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen (BSW) zusammen mit der dortigen Feuerwehr und der TU Braunschweig ein Forschungsprojekt durchgeführt, das die mögliche Ertüchtigung des Treppenraums bestehender Wohngebäude durch technische Maßnahmen untersuchte. Die durch Brandversuche validierten Ergebnisse zeigten, dass die sichere Benutzbarkeit des Treppenraums in Bestandswohngebäuden durch Niederdruck-Wassernebellöschanlagen in Kombination mit Brandwarnanlagen (BWA) auch im Brandfall gewährleistet werden kann [1].

Hamburg top – Berlin Flopp

Die Oberste Bauaufsicht bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen (SenStadtWohn) Berlin will sich im Einklang mit der Berliner Feuerwehr dem nicht anschließen. Hier setzt man weiterhin auf den „Sicherheitstreppenraum Berlin“ (SiTrR Bln), der im Anhang A der VV TB Bln [2] fest zementiert ist. Er benötigt allerdings im Gebäudegrundriss zusätzliche Flächen für Schleusen oder Vorräume und ist deshalb nur für Neubauvorhaben anwendbar. Eine Vielzahl von Projekten zu Dachgeschossausbauten, Dachaufbauten oder Aufstockungen mit alternativen Lösungen zu den Rettungswegen werden dagegen durch negative Stellungnahmen der Berliner Feuerwehr nachhaltig torpediert und letztendlich zum Scheitern gebracht.

Fazit

Urbane Dichte erfordert Lösungen auf engstem Raum, auch für die Ausbildung von Rettungswegen. Da diese Herausforderung alle größeren Städte in Deutschland betrifft, ist eine Vielfalt von Möglichkeiten zur Sicherstellung dieser Rettungswege erforderlich. Nur dann können Architekten und Brandschutzplaner überall den Anforderungen des jeweiligen Gebäudes gerecht werden. Die Einzelinteressen der jeweiligen Bauverwaltung müssen hier in den Hintergrund treten.

Reinhard Eberl-Pacan
Vorsitzender des Vorstands (komm.)
Bundesvereinigung Fachplaner und Sachverständige für den vorbeugenden Brandschutz e.V.

Literatur:

[1] Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen Hamburg; Amt für Bauordnung und Hochbau; Oberste Bauaufsicht (ABH2): Merkblatt Nachträgliche Wohnraumschaffung bei Bestandsbauten – Sichere Benutzung des Treppenraums durch Errichtung einer Niederdruck-Wassernebellöschanlage; Stand 11.11.2020

[2] Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen Berlin; Oberste Bauaufsicht: Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen (VV TB Bln) vom 10. Juli 2020 (ABl. S. 4017)

Gemeinsame Stellungnahme zum Sechsten Gesetz zur Änderung der „Bauordnung für Berlin“ (BauO Bln)

Deutsches Instituts für vorbeugenden Brandschutz“ (DIvB) und „Bundesvereinigung Fachplaner und Sachverständige im vorbeugenden Brandschutz“ (BFSB)

Fortschreibung der BauO Bln

Die Fortschreibung der Bauordnung für Berlin (BauO Bln), welche die Rechtsentwicklung und Erfahrungen auf dem Gebiet des Bauordnungsrechts der letzten Jahre berücksichtigt wird von Seiten des „Deutschen Instituts für vorbeugenden Brandschutz“ (DIvB) und der „Bundesvereinigung Fachplaner und Sachverständige im vorbeugenden Brandschutz“ (BFSB) begrüßt.

Da das Land Berlin bereits seit der BauO Bln von 2007 durch seine Mustertreue im Hinblick auf die Musterbauordnung (MBO) positiv hervortritt, sehen wir weitergehende Anpassungen an die MBO durchaus positiv. Da die MBO in den Jahren seit 2004 zunehmend spärlich und mangelhaft novelliert wird, können bei Landesbauordnungen (LBO) durchaus Abweichungen vom Muster geboten sein.

Anpassungen an aktuelle MBO und Brandenburgische Bauordnung (BbgBO)

Zu § 28 BauO Bln

Hinsichtlich der Regelungen zum Brandschutz betreffen diese Anpassungen an die aktuelle MBO nur der §28 Abs. 5 Satz 2, der gleichlautend aus der MBO übernommen wurde. Unter bestimmten, eng begrenzten Randbedingungen sind in den Gebäudeklassen (GK) 4 und 5 damit künftig hinterlüftete Außenwandbekleidungen aus normalentflammbaren Baustoffen (z.B. Holz- oder Holzbaustoffe) zulässig.

Zu §36 BauO Bln

Eine Anpassung an die MBO und die Bbg BO ist auch hinsichtlich §36 Abs. 8 Ziff. 1 wünschenswert. Der dort geforderte Querschnitt von 0,60 Meter x 0,90 Meter für unmittelbar ins Freie führende Fenster von Treppenräumen sollte auf 0,50 m² vereinheitlicht werden.

Zu § 66 BauO Bln

Eine weitere Anpassung der BauO Bln an die MBO und an die aktuelle Brandenburgische Bauordnung (Bbg BO) im §66 ist lange überfällig. Trotz Bemühungen von verschiedenen Seiten – u.a. der Architektenkammer Berlin – fehlt in der BauO Bln im §66 (2) der Satz 3, der sich sowohl in der MBO als auch in der Bbg BO findet:
3Bei Bauvorhaben der Gebäudeklasse 4, ausgenommen Sonderbauten sowie Mittel- und Großgaragen im Sinne der Verordnung nach § 85 Abs. 1 Nr. 3, muss der Brandschutznachweis erstellt sein von

  1. einem für das Bauvorhaben Bauvorlageberechtigten, der die erforderlichen Kenntnisse des Brandschutzes nachgewiesen hat,
    1. a) einem Angehörigen der Fachrichtung Architektur, Hochbau, Bauingenieurwesen oder eines Studiengangs mit Schwerpunkt Brandschutz, der ein Studium an einer deutschen Hochschule oder ein gleichwertiges Studium an einer ausländischen Hochschule abgeschlossen hat, oder
    2. b) einem Absolventen einer Ausbildung für mindestens den gehobenen feuerwehrtechnischen Dienst, der nach Abschluss der Ausbildung mindestens zwei Jahre auf dem Gebiet der brandschutztechnischen Planung und Ausführung von Gebäuden oder deren Prüfung praktisch tätig gewesen ist und die erforderlichen Kenntnisse des Brandschutzes nachgewiesen hat, oder
  2. einem Prüfingenieur für Brandschutz, der unter Beachtung des § 65 Abs. 3 Satz 2 bis 7 in einer von der Architektenkammer Berlin zu führenden Liste eingetragen ist; Eintragungen anderer Länder gelten auch im Land Berlin.

Die Architektenkammer Berlin führt bereits seit mehreren Jahren eine Liste von Bauvorlageberechtigten mit Kenntnissen des Brandschutzes. Diese eingetragenen und nachweislich im Brandschutz umfassend fortgebildeten Architekten und Ingenieure werden nach derzeitiger, von der Bbg BO und der MBO abweichender, Regelung z.B. in Brandenburg nicht anerkannt. Sie sind gezwungen, sich u.a. dort und in anderen vergleichbaren Ländern, zusätzlich kostenpflichtig in eine von Ingenieurkammern geführte Listen eintragen zu lassen.

Begründete Abweichungen von der MBO

Zu § 26 BauO Bln

Erfreulich ist, dass die BauO Bln entgegen inzwischen anderslautender Novellierungen in der MBO und einigen LBO am Text des §26 Abs. 3 festhält:

(3) Abweichend von Absatz 2 Satz 3 sind tragende oder aussteifende sowie raumabschließende Bauteile, die hochfeuerhemmend oder feuerbeständig sein müssen, in Holzbauweise zulässig, wenn die erforderliche Feuerwiderstandsfähigkeit gewährleistet wird.

Diese Formulierung, die 2015 in ähnlicher Form in Baden-Württemberg eingeführt und 2019 für Nordrhein-Westfalen übernommen wurde, zielt auf konkrete Schutzziel (Vorbeugung gegen die Ausbreitung von Feuer und Rauch) ab, die von den am Bau Beteiligten entsprechend ihrer Verantwortlichkeit erfüllt werden müssen.

Damit wird – technologieoffen – nachhaltiger und ökologisch sinnvoller Holzbau ohne Einbußen an Sicherheit ermöglicht. Sowohl massive Holzbaukonstruktionen als auch Konstruktionen in Holztafelbauweise sowie deren Anschlüsse sind unter Beachtung der im Holzbau aktuell weitestgehend üblichen Maßnahmen in der Lage die Schutzziele für Bauwerke der Gebäudeklassen (GK) 4 und 5 zu erfüllen. Diese Holzbauweisen sind gegenüber anderen Bauweisen (Beton, Mauerwerks- oder Trockenbau, bei denen die Rauchdichtheit allgemein angenommen wird) hinsichtlich der Feuer- und Rauchdichtheit nicht kritischer zu bewerten. Von praxisüblichen Anschlüssen in Holzbauweise geht daher auch kein erhöhtes Risiko hinsichtlich Rauchentwicklung oder Rauchdurchtritt aus.[1]

Zu § 33 BauO Bln

Im Sinne der Streichung unsinniger Regelungen in der MBO, der BauO Bln und anderer LBO sollte in der BauO Bln §33 Abs. 1 durch Satz 2 ergänzt werden:

2Abweichend von Satz 1 genügt ein Rettungsweg

  1. aus Geschossen ohne Aufenthaltsräume,
  2. bei ebenerdigen Geschossen bis zu 400 m², wenn dieser aus der Nutzungseinheit unmittelbar ins Freie führt; § 36 Abs. 3 Satz 4 gilt entsprechend.

Ein Ausgang in ebenerdigen Geschossen, der unmittelbar ins Freie führt, ist als Fluch- und Rettungsweg mindestens so sicher, wie der Zugang zu einem notwendigen Flur oder zur einem Sicherheitstreppenraum nicht Geschossen, die nicht zu ebener Erde liegen. Analog zu letzteren Fällen kann auch bei einem Ausgang aus ebenerdigen Geschossen bis zu 400 m² auf einen zweiten Rettungsweg verzichtet werden.


Bild: Das Corbusierhaus in Berlin (Unité d’Habitation, type Berlin). Erbaut zur Internationalen Bauausstellung (Interbau) 1957. Architekt: Le Corbusier. Teilansicht. (Foto: Manfred Brückels on Wikimedia Commons)

[1] Siehe: Prof. Dipl.-Ing. Ludger Dederich; Patrick Sudhoff, M.Sc.: Abschlussbericht zum Forschungsprojekt Entwicklung einer Richtlinie für Konstruktionen in Holzbauweise in den Gebäudeklassen 4 und 5 gemäß der LBO BW – HolzbauRLBW

Für Frühaufsteher – der Brandschutz-Espresso

Frisch gebrüht, nicht aufgewärmt! So haben wir es von den Italienern gelernt und so lieben wir ihn, den morgendlichen Espresso: schwarz und süß oder „amaro come la vita“ – bitter wie das Leben.

Für Brandschutzexperten und solche, die es werden wollen, gibt es jetzt einen Grund mehr, morgens früh aufzustehen, den

BFSB-Brandschutz-Espresso.

Führende Experten in der und rund um die „Bundesvereinigung Fachplaner und Sachverständige im vorbeugenden Brandschutz“ erläutern monatlich und morgens zwischen 8:30 Uhr und 9:00 Uhr ausgeschlafene und praxisorientierte Themen für Ihren Berufsalltag.

Den Anfang macht Nils Eichentopf, stellvertretender Vorstand der BFSB.

Vorbeugender Brandschutz im Holzbau –
Neue geprüfte Lösungen für moderne Gebäude in Holzbauweise.

Am 05.02.2021 in der Zeit von 08.30 bis 09.00 Uhr können Sie den ersten Brandschutz-Espresso schlürfen.

Agenda

  1. Aktuelle Situation der Zulassungen/Prüfungen für die Durchführung von Kabeln und Rohren in Gebäuden aus Holz.
  2. Prüfung in Holzrahmenbau und Holzmassivbau
  3. Prüfung in Sonderdecken – Lignatur und Lignotrend
  4. Umgang mit Abweichungen

Nils Eichentopf
Master of Engineering (M.Eng.) Vorbeugender Brandschutz
Brandschutzingenieur Key Account
Gepr. Sachverständiger/ Gutachter für vorbeugenden Brandschutz (FH/TAS)
Sachverständiger f. brandschutztechnische Bau und Objektüberwachung (Eipos)
Hilti Deutschland AG
M I 01703386260
E Nils.Eichentopf@hilti.com

Was benötigen wir um Einladungen versenden zu können? Ganz einfach bitte sendet ein Mail an nils.eichentopf@hilti.com mit der gewünschten Seminarteilnahme und den Mailadressen der Teilnehmer. Wir versenden dann die Einladungen als MS-Teams Termin entsprechend der Anmeldung.

Scheideweg Bauordnung

Nach wie vor tut sich das Baurecht in Deutschland schwer mit dem eindeutig formulierten politischen und gesellschaftlichen Ziel einer verstärkten Verwendung nachwachsender Rohstoffe – insbesondere Holz und Holzwerkstoffe – im Bauwesen. Bundesländer, die derzeit an dazu erforderlichen Novellierungen der Bauordnungen arbeiten, stehen hier am Scheideweg: Lassen sie nach dem Beispiel Baden-Württembergs und Berlins nachhaltigen, ökologischen und sicheren Holzbau zu oder begeben sie sich auf den Irrweg in Richtung „Holzbaurichtlinie“ [1], die sich in der Umsetzung – besonders wegen der geforderten brandschutztechnischen Bekleidung der Holzbauteile durch Gipsplatten – als teuer und praxisfremd herausstellt und die teilweise zu erheblichen Bauschäden führt.

Argumente gegen die Ergänzungen zur MVV TB

Die jetzt vorgesehenen Änderungen Ergänzungen zu den MVV TB [2] dienen im Bereich Bauteile und Baustoffe dazu, die „Holzbaurichtlinie“ vollständig in das Baurecht zu zementieren. Neben den bekannten Unterscheidungen „von Teilen baulicher Anlagen“ in „feuerbeständig“, „hochfeuerhemmend“ oder „feuerhemmend“ wird für Bauteile aus Holz unter Buchstabe d) eine eigene Kategorie [3] eingeführt. Sie erschwert unnötigerweise den Einsatz von Bauprodukten zur Herstellung von Bauarten in Bauteilen aus Massivholz, wenn sie z.B. für feuerbeständige Bauteile geprüft wurden. Normbrandprüfungen u.a. von Abschottungssystemen in Holzrahmen- und Holzmassivdecken sowie -wänden haben jedoch auch bei diesen Bauteilen, unter entsprechenden konstruktiven Randbedingungen, ein nahezu äquivalentes Verhalten zu den aktuell geregelten in Bauteilen aus nichtbrennbaren Baustoffen gezeigt

Daneben werden in den MVV TB künftig Naturbrandmodelle für tragende Bauteile aus Massivholz mit Anforderungen an den Brandschutz ausgeschlossen. Dies ist durch nichts gerechtfertigt. Die genauere Betrachtung des zu erwartenden Brandes führt i.d.R: zu einer wirtschaftlicheren Bemessung gegenüber der konservativen Einheits-Temperaturzeitkurve (EKT). Bauteile aus nichtbrennbaren Baustoffen (Beton-Stahl-Verbund- oder ungeschützte Stahlskelettkonstruktionen etc.) können in erheblichem Umfang von diesen wirtschaftlichen Vorteilen profitieren. Auch bei Holzbauten spricht nichts dagegen, eine genauere Betrachtung des tatsächlichen Brandverlaufs, insbesondere bei Evakuierung oder Verrauchungssimulationen, bezüglich der Eingangsparameter wie Brandlasten oder die Ventilation im jeweiligen Gebäude, anzustellen und damit ein realistischeres Bild über mögliche Brandszenarien zu gewinnen.

Fazit

Um den politischen und gesellschaftlichen Willen einer verstärkten Verwendung von nachwachsenden Rohstoffen im Bauwesen nachzukommen, sind praxisgerechte Vorgaben erforderlich, die flexibel und ohne aufwendige Gesetzgebungsverfahren von Experten aus den Reihen der Verbände (Normengeber) und des Handwerks weiterentwickelt werden. Die o.g. genannten Ergänzungen zu den MVV TB leisten aus Sicht der „Bundesvereinigung Fachplaner und Sachverständigen für den vorbeugenden Brandschutz“ dazu keinen Beitrag, sondern sind in der Baupraxis als weiterer Hemmschuh gegen eine nachhaltige, ressourcensparende und den CO2-Verbrauch senkende Bauwirtschaft.

Reinhard Eberl-Pacan

Vorsitzender des Vorstands

Bundesvereinigung Fachplaner und Sachverständige für den vorbeugenden Brandschutz e.V.

Literatur:

[1] Muster-Richtlinie über brandschutztechnische Anforderungen an hochfeuerhemmende Bauteile in Holzbauweise – M-HFHHolzR“ (Fassung Juli 2004)

[2] Änderungen der Muster-Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen (MVV TB) – Ausgabe 2020/2 – Entwurf (September 2020)

[3] „Bauteile gemäß § 26 Abs. 2 Satz 4 MBO, die aus brennbaren Baustoffen bestehen dürfen und keine Hohlräume oder verfüllte Hohlräume sowie keine Dämmstoffe im Inneren aufweisen. Die Bauteile können in ihren tragenden und aussteifenden Teilen aus nichtbrennbaren Baustoffen bestehen.“

Das Dogma „feuerbeständig“

Eineinhalb Stunden müssen Bauteile einem Brand nach den Bedingungen der Einheitstemperaturzeitkurve (ETK)[1] standhalten, wenn sie als „feuerbeständig“ klassifiziert werden wollen. Diese Festlegung stammt aus einer längst vergangenen Zeit, als Feuerwehrfahrzeuge noch von Pferden zum Brandort gezogen wurden. Internationale Beispiele, moderne Entwicklungen und verbesserte Techniken zur Brandbekämpfung und Löschwasserversorgung zeigen: Es ist an der Zeit an diesem Dogma zu rütteln.

Geschichte

Während bis etwa 1929 der Begriff „feuerfest“ verwendet wurde, der in den Bauordnungen die Herstellung und Qualität der einzelnen Bauteile beschrieb, hielten in den 1920er- und 1930er-Jahre die technischen Baubestimmungen (z.B. DIN-Normen) Einzug in das Baugeschehen. In der wichtigsten Norm für den Brandschutz, der DIN 4102, wurde 1934 die feuerbeständige Qualität endgültig an die Feuerwiderstandsdauer von 90 Minuten geknüpft.

Seitdem sind 90 Jahre vergangen. Die Möglichkeiten zur Rettung von Personen sowie zu Löschmaßnahmen der Feuerwehr haben sich in dieser Zeit entscheidend verbessert. Schnelle Feuerwehrfahrzeuge und vor allem eine umfassende Löschwasserversorgung stellt den abwehrenden Brandschutz sicher. Selbst Brände hoher Häuser unterhalb der Hochhausgrenzen können zügig und sicher bekämpft und gelöscht werden.

Zudem verkürzt die Ausstattung aller Wohnungen in Deutschland mit Rauchwarnmeldern (RWM) die notwendigen Zeiten für die Erkennung von Bränden sowie die Flucht von Menschen und Tieren. Im Gegenzug kann sinnvollerweise die Feuerwiderstandsdauer auf ein sinnvolles Niveau abgesenkt werden.

Schweizer Vorbild

Vorbildlich in Sachen „Sicherheit bei Bränden“ ist seit langem die Schweiz. Die Zahl der Brandtoten (pro Mio. Einwohner) ist dort – Stand 2016 – mit 2,5 etwa halb so hoch wie in Deutschland (4,7). Gleichzeitig sind die eidgenössischen Brandschutzvorschriften wesentlich moderater und übersichtlicher als hierzulande, z.B. ist der maximale Feuerwiderstand REI 60 (hochfeuerhemmend).

Ein durchdachtes Qualitätsmanagement bei Brandschutzplanung und Objektüberwachung durch einheitlich qualifizierte Fachplaner bzw. -bauleiter wird dafür gesorgt, dass die reduzierten Anforderungen sicher umgesetzt werden. Das ist weitaus effizienter als hohe Anforderungen, deren Durchführung an uneinheitlicher Ausbildung oder mangelnder Kompetenz der beteiligten Architekten, Ingenieure oder Behörden scheitert.

Fazit

Diese Beispiele zeigen, dass eine Ausweitung des Feuerwiderstandes über die Grenze von einer Stunde hinaus keinen Sicherheitsgewinn mit sich bringt. Ganz erheblich wäre dagegen das Einsparpotenzial einer Reduzierung der Feuerwiderstandsanforderungen auf ein vertretbares Maß:

  • Bei Neubauten, insbesondere in der Gebäudeklasse (GK) 5, ergeben sich Kostensenkungen bis 15%.
  • Die Kosten und der Energiebedarf von Brandschutzprüfungen, die für Zulassung von Bauprodukten erforderlich sind, können um ca. 1/3 reduziert werden.
  • Der Feuerwiderstand von 90 Minuten nach ETK ist auf traditionelle Baustoffe wie Beton oder Mauerwerk zugeschnitten. Innovativen oder ökologischen Baustoffen wie Ultraleichtbeton, Holz oder wirtschaftlichen Verbundbaustoffen bzw. hybriden Konstruktionen werden dagegen unnötig hohe Hürden auferlegt.
  • Bestandskonstruktionen haben häufig einen tatsächlichen Feuerwiderstand unterhalb „feuerbeständig“. Sie müssen deshalb oft teuer entsorgt oder aufwendig ertüchtigt werden.

Alle diese Punkte hätten erhebliche positive Auswirkungen auf Baukosten und Umwelt. Sicherheit und Brandschutz für bauliche Anlagen in Deutschland würden in keiner Weise negativ beeinflusst. Große und wichtige Ziele, für die es sich lohnt, althergebrachte Dogmen zu überwinden oder zumindest zu diskutieren.

Reinhard Eberl-Pacan

Vorsitzender des Vorstands

Bundesvereinigung Fachplaner und Sachverständige für den vorbeugenden Brandschutz e.V.

Literatur:

DIN 4102:1934-08: „Widerstandsfähigkeit von Baustoffen und Bauteilen gegen Feuer und Wärme“


[1] Um einheitliche Prüf- und Beurteilungsgrundlagen für das Brandverhalten von Bauteilen zu schaffen, wurde auf internationaler Ebene eine Einheitstemperaturzeitkurve (ETK) festgelegt. Auf ihr basieren die Bauteilprüfungen nach den Brandschutznormen DIN 4102-2, -3, -5, -6, -9 und -11.

Stellungnahme der BFSB zu den Anmerkungen des MIL zur Novellierung der BbgBO

Holzbau in Brandenburg hat Tradition: Das Einsteinhaus in Caputh wurde in den Sommern der Jahre 1929 bis 1932 von Albert Einstein bewohnt. Es war ein Geschenk der Stadt Berlin an Albert Einstein zu dessen 50. Geburtstag. Es wurde von Konrad Wachsmann entworfen und 1929 von Christoph & Unmack erbaut. Source Einstein's House Author Kenny Easwaran from Berkeley, USA

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Rahmen der derzeit laufenden Diskussion um die Novelle der Brandenburgischen Bauordnung (BbgBO) bezüglich der bauaufsichtlichen Regelzulassung eines nachhaltigen und regional verankerten Holzbaus für Gebäude aller Gebäudeklassen (GK) – insbesondere der GK 4 und 5 – nehmen wir zu den unten angesprochenen Fragen wie folgt Stellung:

1. Senkt die Zulassung von Holz als Baustoffen in den Gebäudeklassen 4,5, Sonderbau und bei Brandwänden das Schutzziel im Brandrecht? Und muss infolgedessen das Brandschutzkonzept umgebaut werden, da eine höhere Gefährdung entsteht?

Die Schutzziele nach Musterbauordnung (MBO) bzw. Brandenburgischer Bauordnung (BbgBO) sind ähnlich aufgebaut.

Der § 3 beinhaltet die „Allgemeinen Anforderungen“ an bauliche Anlagen („die öffentliche Sicherheit und Ordnung, insbesondere Leben, Gesundheit und die natürlichen Lebensgrundlagen“ dürfen „nicht gefährdet werden“).

§ 14 MBO (§ 14 BbgBO leicht abweichend) konkretisiert diese Schutzziele hinsichtlich des Brandschutzes: Bauliche Anlagen sind so anzuordnen, zu errichten, zu ändern und instand zu halten, dass der Entstehung eines Brandes und der Ausbreitung von Feuer und Rauch (Brandausbreitung) vorgebeugt wird und bei einem Brand die Rettung von Menschen und Tieren sowie wirksame Löscharbeiten möglich sind (in § 14 BbgBO zusätzlich „eine Entrauchung von Räumen“).

Die einzelnen §§ mit materiellen Anforderungen an Bauteile (MBO § 27 bis 32) enthalten jeweils zu Beginn das Schutzziel, das diese Bauteile zu erfüllen haben, z.B.:

  • § 27 „Tragende und aussteifende Wände und Stützen müssen im Brandfall ausreichend lang[1] standsicher sein“,
  • § 29 „Trennwände […] müssen als raumabschließende Bauteile von Räumen oder Nutzungseinheiten innerhalb von Geschossen ausreichend lang widerstandsfähig gegen die Brandausbreitung sein“,
  • § 30 „Brandwände müssen als raumabschließende Bauteile zum Abschluss von Gebäuden (Gebäudeabschlusswand) oder zur Unterteilung von Gebäuden in Brandabschnitte (innere Brandwand) ausreichend lang die Brandausbreitung auf andere Gebäude oder Brandabschnitte verhindern usw.

Diese Schutzziele (ausreichend lang) können auch durch Bauteile aus brennbaren Baustoffen, die auf Abbrand für einen ausreichend langen Feuerwiderstand berechnet sind, erfüllt werden. In diesen Berechnungen sind – ebenso wie für Bauteile aus nichtbrennbaren Baustoffen – Sicherheitsfaktoren enthalten, durch welche die Versagensgrenzen des Bauwerks bzw. des Bauteils höher ausgelegt werden, als es durch die theoretische Berechnung sein müsste. Für die Ermittlung bzw. den Nachweis eines ausreichenden Feuerwiderstandes und damit für die Erreichung der Schutzziele gem. MBO bzw. BbgBO spielen die verwendeten Baustoffe (nichtbrennbar oder brennbar) daher keine Rolle.

2. Haben freiwillige Feuerwehren durch diese Zulassung einen höheren Anteil von Bränden zu bewältigen?

Für die Entstehung von Bränden werden drei Faktoren benötigt: mobile Brandlast (brennbare Stoffe in Nutzungseinheiten, z.B. Möbel), Sauerstoff und Zündquellen (z.B. schadhafte Elektroinstallationen oder Brandstiftung). Durch die Verwendung brennbarer Baustoffe (Holz) in Baukonstruktionen (Bauteilen) erhöht sich die mobile Brandlast nicht. Ebenso wenig erhöht sich die Menge des vorhandenen Sauerstoffs noch der evtl. vorhandenen Zündquellen. Die Anzahl von Bränden, die durch die Feuerwehr zu bekämpfen sind, wird sich daher durch den Einsatz von Holz als Baustoff nicht erhöhen.

Anmerkung:

Im (für Menschen erträglichen) Temperaturbereich bis ca. 100°C unterscheidet sich das Brandverhalten einer 12,5 mm dicken Gipsplatte und einer für den Abbrand von 30 Minuten Feuerwiderstand (feuerhemmend) erforderlichen Holzschicht von ca. 25 mm nicht wesentlich. In beiden Fällen reagieren die Oberflächen kaum auf die einsetzende Temperaturerhöhung und es wird kein Rauch freigesetzt. In beiden Fällen wird ab dieser Temperatur etwa die gleiche Menge Wasser bzw. Wasserdampf (Gips ca. 2 l/m² 12,5 mm dicker Platte, Holz ca. 2 l/m² 25 mm dicker Schicht) freigesetzt, die eine weitere Erwärmung der Oberfläche verzögern. Erst ab einer Temperatur über 220°C setzt Holz – im Gegensatz zu Gips – zusätzliche Energie frei und leistet so einen Beitrag zum Brandgeschehen. Bei diesen Temperaturen ist eine Selbstrettung (Flucht) oder Fremdrettung von Personen nicht mehr möglich.

3. Wie ist die Situation des Brandschutzes und der Feuerwehrleute im Holzbauland Schweiz?

Die Schweiz ist seit langem vorbildlich in Sachen „Sicherheit bei Bränden“. Die Zahl der Brandtoten (pro Mio. Einwohner) ist dort – Stand 2016 – mit 2,5 etwa halb so hoch wie in Deutschland (4,7)[2]. Gleichzeitig sind die eidgenössischen Brandschutzvorschriften wesentlich moderater und übersichtlicher als hierzulande, z.B. ist der maximale Feuerwiderstand REI 60 (hochfeuerhemmend).

Ein durchdachtes Qualitätsmanagement bei Brandschutzplanung und Objektüberwachung durch einheitlich qualifizierte Fachplaner bzw. -bauleiter wird dafür gesorgt, dass die reduzierten Anforderungen sicher umgesetzt werden. Das ist weitaus effizienter als hohe Anforderungen, deren Durchführung an uneinheitlicher Ausbildung oder mangelnder Kompetenz der beteiligten Architekten, Ingenieure oder Behörden scheitert.

In den Jahren 2013 bis 2018 ist in der Schweiz – trotz einer umfassenden Reform des Baurechts und eines steigenden Anteils an genehmigten Gebäuden in Holzbauweise (2019 ca. 16%)[3] – die Anzahl der Feuerwehreinsätze mit ca. 13.000 in etwa gleich geblieben[4].

4. Ist es sinnvoll die §§26 und 28 in der LBO vor den technischen Baubestimmungen zu ändern, da selbige sonst nicht gelten würden sobald sie kommen?

Die beabsichtigten Änderungen des § 26 („4Abweichend von Abs. 2 Satz 3 sind andere Bauteile, die feuerbeständig oder hochfeuerhemmend sein müssen, aus brennbaren Baustoffen zulässig, sofern sie den Technischen Baubestimmungen nach § 85a entsprechen. 5Satz 4 gilt nicht für Wände nach § 30 Abs. 3, Satz 7 und Wände nach § 35 Abs. 4 Satz 7 Nr. 7“) bzw. des § 28 („Abweichend von Absatz 3 sind hinterlüftete Außenwandbekleidungen, die den Technischen Baubestimmungen nach § 85a entsprechen, mit Ausnahme der Dämmstoffe, aus normalentflammbaren Baustoffen zulässig.“) sind unsinnig, da man diese Änderungen prinzipiell in alle (oder keinen) §§ der Bauordnung aufnehmen könnte. Selbstverständlich müssen alle in baulichen Anlagen verwendeten Bauteile den „Technischen Baubestimmungen“ entsprechen, egal aus welchen Baustoffen sie hergestellt werden. Insofern ist ein ausdrücklicher Hinweis darauf für Bauteile aus brennbaren Baustoffen überflüssig.

Das auch bei „Wände[n] nach § 30 Abs. 3, Satz 7“ (Brandwänden) aus brennbaren Baustoffen die Schutzziele der MBO bzw. der BbgBO eingehalten werden können, wurde in Pkt. 1 schon erläutert. Das Gleiche gilt für „Wände[n] nach § 35 Abs. 4 Satz 7 Nr. 7“ (Wände von Treppenräumen in Bauart von Brandwänden).

5. Bleibt die Funktionalität von Außenwandbekleidungen, Brandschutzwänden, Treppenräumen, Fluren und Fahrschächten erfüllt?

Aus den oben aufgeführten Punkten wird deutlich, dass bei Bauteilen (Außenwände, Brandwände, Wände von Treppenräumen oder von Fahrschächten) aus brennbaren Baustoffen keine Abstriche hinsichtlich des Sicherheitsniveaus gegenüber gleichen Bauteilen aus nichtbrennbaren Baustoffen gemacht werden müssen. Ein Qualitätsmanagement bei der Brandschutzplanung und der brandschutztechnischen Objektüberwachung, insbesondere die Heranziehung einheitlich qualifizierte Fachplaner bzw. -bauleiter kann dafür sorgen, dass die Anforderungen der Bauordnungen entsprechend der Bauart und Komplexität der Bauteile sicher umgesetzt werden. Das gilt für den Einsatz brennbarer Baustoffe ebenso wie für den Einsatz nichtbrennbarer Baustoffe.

6. Ist die Erstellung von Typengenehmigungen sinnvoll?

Da erfahrungsgemäß jedes Bauwerk sehr individuell und einzigartig ist, sind Typengenehmigungen für Bauwerke wenig sinnvoll. Eine einheitliche Zulassungspraxis für Bauteile und Bauprodukte durch das Deutsche Institut für Bautechnik (DIBt), die Bauteile aus brennbaren Baustoffen nicht weiterhin massiv benachteiligt, wäre jedoch wünschenswert.

Freundliche Grüße

BFSB e.V.[5]

Reinhard Eberl-Pacan

1. Vorsitzender


[1] Hervorhebung durch den Verfasser

[2] World Fire Statistics Bulletin 2016

[3] Quelle: Gebäudedatenbank BFH-AHB

[4] Statistik des Schweizerischer Feuerwehrverbands

[5] In der Bundesvereinigung sind engagierte, ausgebildete und geprüfte Fachplaner, Sachverständige, sowie Absolventen eines Masterstudienganges für den baulichen Brandschutz zusammengeschlossen. Darüber hinaus bietet sie noch Anwartmitgliedschaften für Studenten. So sind auch fördernde und unterstützende Mitglieder dabei und jederzeit willkommen. Bauherren und Behörden bietet die Vereinigung Informationen über ortsnahe Sachverständige und spezialisierte Fachplaner. Schauen Sie sich auf unserer Website um und informieren Sie sich über unsere angebotenen Fachveranstaltungen und Fachthemen.

Vier Thesen für eine neue Bauordnung

Neubewertung des Brandschutzes in den Bauordnungen

Sicherheit ist (k)ein Ruhekissen. Neue Herausforderungen und Gefahren zeigen, dass sich jene, die sich um Sicherheit und Brandschutz kümmern (wollen), nicht auf diesem Ruhekissen ausruhen sollten. Die stetige Anpassung der Gesetze und Vorschriften an die tatsächliche Sicherheitslage birgt eine Menge notwendiger Veränderung. Ebenso wie täglich neue Regelungen erlassen werden, müssen geltende Gesetze laufend verifiziert und nötigenfalls reduziert oder abgeschafft werden; so früh wie nötig und soweit wie möglich.

Dazu gehört auch eine Neubewertung des Brandschutzes in den Bauordnungen. Wir haben dazu vier Thesen thematisiert und wollen diese in einer Beitragsreihe vorstellen und diskutieren:

These 1: „hochfeuerhemmende Bauteile“

Viele Anforderungen in unseren Bauordnungen stammen aus dem vorletzten Jahrhundert. Aus Begriffen wie feuerfest und feuersicher wurden feuerbeständig und feuerhemmend, der Inhalt blieb der Gleiche. Jeder, dass es dauerhaft feuerfeste oder feuerbeständige Bauteile nicht gibt. Die Festlegung auf einen Feuerwiderstand von 90 Minuten ist daher erstmal beliebig und stammt aus einer Zeit, in der vor Feuerwehrfahrzeuge noch Rösser gespannt wurden.

These 2: „Innovative zweite Rettungswege“

Zunehmende Schwierigkeiten und Hindernisse beim Einsatz von Rettungskräften, die Rettung mobilitätseingeschränkter Personen oder Menschen mit Behinderungen sowie die erweiterten technischen Möglichkeiten – z.B. Evakuierungsaufzüge nach DIN EN 81-76 (Entwurf) oder VDI-Richtlinie 6017 – zwingen zum Umdenken bei der Anzahl und Art der Rettungswege. Bauherren und Planer sollen bereits in einer frühen Planungsphase aus unterschiedlichen Möglichkeiten zur Herstellung des zweiten Rettungsweg auswählen und sich bedarfsgerecht für ein optimale Lösung entscheiden können.

These 3: Qualität bei Planung und Bauüberwachung

Die Zeiten einer allwissenden Bauaufsichtsbehörde oder gar einer allgegenwärtigen „Baupolizei“ sind passé. Wenn wir Ernst machen wollen mit innovativen digitalen Entwicklungen wie „Building Information Modeling“ (BIM), brauchen wir eine Partnerschaft aller am Planungs- und Bauprozess Beteiligten auf Augenhöhe. Das bedingt eine fundierte und nachweisbare Ausbildung und Qualifikation.

These 4: „Verwendung brennbarer Baustoffe“

Immer mehr Bundesländer (derzeit u.a. Brandenburg und Bayern) folgen einem Trend, der die Verwendung nachwachsender und ökologischer Baustoffe vereinfachen soll. Es fehlt jedoch eine bundeseinheitliche Regelung und es existiert ein Wirrwarr bei den daran anknüpfenden Ausführungsvorschriften. Die derzeit gültige M-HFHHolzR [1] ist die für das Papier gefällten Bäume nicht (mehr) wert, auf das sie gedruckt wurde. Eine Verbesserung durch eine geplante neue M-HolzBauRL [2] ist nicht in Sicht.

Fazit

Bauordnungen haben die Aufgabe, das Bauen zu ordnen und Gefahren für Nutzer baulicher Anlagen zu reduzieren. Sie sind jedoch kein Ruhekissen, auf dem wir uns dauerhaft ausruhen können. Wer das Bauen auf einem aktuellen Stand regeln und befördern will, muss bereit sein, scheinbar unumstößliche Gewissheiten – auch bei Sicherheit und Brandschutz – in Frage zu stellen.

Reinhard Eberl-Pacan

Vorsitzender des Vorstands

Bundesvereinigung Fachplaner und Sachverständige für den vorbeugenden Brandschutz e.V.

Literatur:

[1] „Muster-Richtlinie über brandschutztechnische Anforderungen an hochfeuerhemmende Bauteile in Holzbauweise – M-HFHHolzR“ (Fassung Juli 2004)

[2] „Muster-Richtlinie über brandschutztechnische Anforderungen an Bauteile in Holzbauweise für Gebäude der Gebäudeklassen 4 und 5 – M-HolzBauRL“ (Stand: 23.05.19)

Alternative Lösungen für sichere Rettungswege

Ein „Dauerbrenner“ der Brandschutz-Diskussion

Die Rettung von Menschen – insbesondere bei Bränden – ist Aufgabe der Feuerwehr. Dieser kommt sie tagtäglich mit großem Erfolg nach. In vielen Fällen sind ihr lebensrettenden Einsätze jedoch deutlich erschwert: In Berlin betrifft dies ca. 400 000 Wohnungen (geschätzt 1/5) in oberen Geschossen oder Hinterhäusern. Sie verfügen über keine ausreichende zweiten Rettungswege über Rettungsgeräte der Feuerwehr, die baurechtlich erforderlich sind. Daran „schuld“ sind meist die historische Blockbebauung mit Seitenflügeln und Quergebäuden, enge (Wohn-)Straßen, parkende Fahrzeuge oder große Straßenbäume.

Aufstellflächen für die Feuerwehr

Richtschnur für die Herstellung von Flächen für die Feuerwehr ist eine Richtlinie [1], die historisch auf die 50er und 60er Jahre zurückgeht. Damals war die verkehrsgerechte Stadt das Vorbild für den Städtebau. Dieses Modell hat ausgedient. Bewohner heutiger Städte schätzen eher die kompakten und hoch verdichteten Viertel. Der Abriss von Altbauten zur Auflockerung der Stadtkerne ist „out“, die Nachverdichtung durch Baulückenschließung und Dachaufstockungen ist „in“. Moderner Städtebau und „historische“ Aufstellflächen, das passt nicht zusammen. Wollen wir auf dem Weg des Erhalts und der Nachverdichtung der Städte vorankommen müssen hier Lösungen gefunden werden.

Sicherheitstreppenraum

Ansätze dazu gibt es in verschiedenen Bundesländern und Großstädten. Sie bedingen entweder den Einsatz umfangreicher Technik („Modell Hamburg“ mit Druckbelüftungsanlagen) oder einen Wohnflächenverlust bei Neubauten („Modell Berlin“ mit zusätzlichen Schleusen zum Treppenraum). Beides kann bei Neubauten sowohl in der Planung als auch in der Kostenkalkulation rechtzeitig berücksichtigt werden.

Schlechter sieht es bei Altbauten aus. Bestandsmietern kann nicht ein „Stück Wohnung“ für eine zusätzliche Schleuse weggenommen werden. Inzwischen hat der Berliner Senat sein „Modell“ für „Sicherheitstreppenräume“ trotzdem in die VV TB Bln [1] aufgenommen. Alternative Maßnahmen bleiben dadurch außen vor und tausenden Bewohnern Berliner Altbauten werden sinnvolle Maßnahmen zur Verbesserung ihrer Flucht- und Rettungswege verwehrt.

Lösungen für Bestandsmieter

Statt hemmender Verordnungen sind auch in Berlin intelligente Lösungen gefragt. Sie ermöglichen nicht nur die Schaffung zusätzlicher Dachwohnungen mit ausreichenden Rettungswegen, sondern verbessern zusätzlich die Situation vieler Bewohner in Wohnungen ohne zweiten Rettungsweg.

Treppenräume können z.B. mit einem Differenzdrucksystem (Druckbelüftungsanlage) ausgestatten und damit als Sicherheitstreppenräume für Gebäude unterhalb der Hochhausgrenze ohne Schleuse zugelassen werden. Dieser Sicherheitstreppenraum ist ebenso effektiv, kann aber deutlich besser an Bestandssituationen angepasst werden. Daneben können eine effektive Rauchableitung oder Wasserfeinsprüh–Niederdruckverfahren herangezogen werden.

Fazit

Die Berliner Verordnung zu Sicherheitstreppenräumen hat sich bei Neubauten bewährt. Leider sind dadurch alternative – insbesondere technische – Maßnahmen zur Verbesserung von Treppenräumen oder der Schaffung von Wohnraum in Altbauten ausgeschlossen. Bei verantwortungsbewusster Planung und technisch einwandfreier Umsetzung sind diese Maßnahmen jedoch grundsätzlich als gleichwertig anzusehen.

Reinhard Eberl-Pacan

Vorsitzender des Vorstands

Bundesvereinigung Fachplaner und Sachverständige für den vorbeugenden Brandschutz e.V.

Literatur:

[1] Muster-Richtlinien über Flächen für die Feuerwehr – Fassung Februar 2007 – (zuletzt geändert Oktober 2009)

[2] Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen (VV TB Bln) vom 19. April 2018 (ABl. S. 2095) zuletzt geändert 6. Februar 2019 Anhang A „Anforderungen an Sicherheitstreppenräume (SiTrR Bln)“

Kompetenz statt Obrigkeit

Sichere Gebäude durch Zusammenarbeit und Sachverstand

Wir wollen nur bauen! Wir wollen in Dresden keine Juwelen stehlen und in Berlin keine vaterländischen Verdienstorden. Manchmal entsteht jedoch der Eindruck, dass die Schlösser und Ketten, die das Bauen verhindern, schwerer zu knacken sind als jene in Museen oder Galerien. Machtdemonstrationen von Behörden und ein immer dichter geknüpftes Regelwerk verhindern genau das, was sie vermeintlich schaffen sollen – und was am dringendsten benötigt wird: sichere und nachhaltige Gebäude mit intelligentem und ganzheitlichem Brandschutz.

Entbürokratisierung und Verwaltungsverschlankung

Nach beinahe zwei Jahrzehnten Entbürokratisierung und Verwaltungsverschlankung führt der Weg derzeit zurück in den Obrigkeitsstaat, der alles Tun und alles Regen von oben verordnen will. Gleichzeit entspringen der Ängstlichkeit, der Unwissenheit oder dem Kompetenzgerangel bei Bauaufsichtsbehörden oder Feuerwehrdienststellen zunehmend rechtswidrige Entscheidungen, die sich angesichts einer überforderten Verwaltungsgerichtsbarkeit kaum berichtigen lassen. Für Bauherren und Projektentwickler ist das nicht nachvollziehbar. Schnell wird es Architekten oder Fachplanern als Mangel in der Planung oder der Koordination angekreidet.

Einheitliches Verordnungswerk

In über 300 Seiten MVV-TB [1] hat das Deutsche Institut für Bautechnik (DIBt) versucht, die Listen von Baubestimmungen und Bauregeln zusammenzufassen und den Ländern ein einheitliches Verordnungswerk an die Hand zu geben. Der Versuch ist kläglich gescheitert. Nicht nur, dass die Einführung dieser Regeln in den Ländern ungeregelt, sukzessive oder noch gar nicht erfolgt ist (Mecklenburg-Vorpommern, Saarland und Schleswig-Holstein), nimmt jedes Land für sich in Anspruch, darin Änderungen vorzunehmen oder Erweiterungen und Anhänge zu generieren, die lokale Besonderheiten plötzlich in den Rang von Verordnungen erheben.

So werkeln sich bundesweit tätige Bauherrn, Architekten, Ingenieure oder Fachplaner durch weitere über 5.000 Seiten Verordnungen und Regeln, eine Aufgabe die jeder mittelmäßig programmierte Algorithmus eines Computers viel besser bewältigen könnte. Zusätzlich müssen sie alle jene Behörden und Prüfämter von ihren Plänen und Ideen überzeugen, die lieber stumpf Gesetzestexte auslegen, als selbständiges verantwortungsvolles Denken und Handeln zuzulassen.

Einheitliche Ausbildung und Zulassung

Die Bundesvereinigung Fachplaner und Sachverständigen für vorbeugenden Brandschutz (BFSB) setzt dagegen seit fast 15 Jahren auf eine fachgerechte und umfassende Ausbildung im vorbeugenden Brandschutz, die unsere Mitglieder als Aufnahmevoraussetzung nachweisen müssen. Diese erworbene Kompetenz im Brandschutz muss von Politik und Behörden gewürdigt werden. Dazu können nur bundeseinheitliche Regelungen in den Bauordnungen beitragen, welche die erforderliche Qualifizierung z.B. der Ersteller von Brandschutznachweisen sicherstellen. Nur durch die Zusammenarbeit und den Sachverstand gut ausgebildeter Architekten und Fachplaner lässt sich das Ziel erreichen, zukunftsfähig, wirtschaftlich und sicher zu bauen.

Wenn Sie uns dabei unterstützen wollen, stellen Sie gerne einen Antrag auf Mitgliedschaft

Auslobung FeuerTrutz Award 2020: Informationen für Mitglieder

Jetzt für die Auszeichnung im vorbeugenden Brandschutz bewerben

Die Auszeichnung FeuerTrutz Award für preiswürdige Brandschutzkonzepte und die beliebtesten Produkte des Jahres geht in die nächste Runde. FeuerTrutz Network verleiht den Award im Vorfeld der FeuerTrutz Fachmesse im Juni 2020.

Kategorie Brandschutzkonzepte

Nicht jedes Brandschutzkonzept steckt voller bahnbrechender Ideen. Häufig sind es eher kleine Details und der kreative Umgang mit Abweichungen oder Kompensationen, die ein Konzept besonders wirtschaftlich oder nutzerfreundlich machen. Beim FeuerTrutz Award für Planer geht es denn auch darum, solche Problemlösungen und stimmige Konzepte auszuzeichnen. Konzeptersteller können sich dafür bis zum 28. Februar 2020 mit einem genehmigungsfähigen Brandschutzkonzept beim Verlag bewerben.

Mehr Infos dazu unter www.feuertrutz.de/award.

Eine Fachjury wählt bis zu drei Gewinner aus den eingereichten Konzepten aus. Sie beurteilt dabei nach folgenden Kriterien:

  • Anspruch der Planungsaufgabe und Alltagstauglichkeit des Konzeptes
  • Schutzzielorientierung und Gefährdungs- bzw. Risikoanalyse
  • Begründung von Abweichungen / Erleichterungen und Kompensationen
  • Nachvollziehbarkeit des Konzeptes und Wirtschaftlichkeit

Die Jury entscheidet auch über die Aufteilung des Preisgeldes in Höhe von insgesamt 5.000,- Euro. Die Preisträger können außerdem das Logo der Auszeichnung für ihre Presse- und Öffentlichkeitsarbeit verwenden.

Eine projektbezogene Berichterstattung über die Inhalte des Brandschutzkonzeptes, z.B. als Beitrag im FeuerTrutz Magazin, erfolgt nur mit Zustimmung und nach Absprache mit dem Einreicher.

Produkt des Jahres

FeuerTrutz Network prämiert 2020 zum zehnten Mal auch die beliebtesten Produkte in den Kategorien

  • anlagentechnischer Brandschutz,
  • aulicher Brandschutz und
  • organisatorischer Brandschutz.

Bis zum 5. Februar 2020 können Hersteller ihre Produktlösungen einreichen. Teilnahmeberechtigt sind Produkte aus den o.g. Kategorien, die bis zum Einsendeschluss auf dem deutschen Markt eingeführt wurden und in Deutschland erhältlich sind. Eine fachkundige und neutrale Jury prüft die eingereichten Produkte vorab. Das beliebteste Produkt wählen dann Jury und Leser gemeinsam: Die Fachjurymitglieder vergeben Platzierungen und FeuerTrutz Network lädt die Leser parallel zu einer Online-Abstimmung ein.

Alle zur Wahl stehenden Produkte werden in einer Sonderbeilage in Ausgabe 2.2020 des FeuerTrutz Magazins und online vorgestellt.

Die Bewerbungsunterlagen mit Teilnahmebedingungen sowie weitere Informationen und Interviews mit Gewinnern und Jurymitgliedern gibt es online unter www.feuertrutz.de/award.

E-Mail-Kontakt unter: award@feuertrutz.de